Sehnsucht

Wir alle sind falsche Wege gegangen. Wir haben die falschen Türen gewählt und sind durch Umwege irgendwann doch zu uns gelangt.

Wir alle haben uns selbst mal verloren gehabt und Zuflucht zu irgendwas gefunden, was uns umso mehr in den Abgrund gestürzt hat. Wir alle kennen das.

Wir sind alle durch Irrgärten gelaufen, auf der Suche nach etwas, uns nicht mal dem bewusst, was dieses etwas sein soll. Sehnsüchtig haben unsere Augen Ausschau gehalten: nach dem was uns erlöst, nach dem was uns Halt gibt, nach dem was uns nach Hause bringt.

Ein merkwürdiges Gefühl am Leben zu sein und doch voller Hoffnung nach dem Leben zu suchen.

Nino Gadelia

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

Tartaros

Hineingeflogen und nicht auf den Füssen gelandet.

Schwebend und machtlos im Meer des Tartaros gebadet.

Direkt aus der Tiefe abgefeuert.

Auf dem Schiffe des Ratlosen hinaufgeschleudert.

Das Ruder herrenlos und ungesteuert.

Das Schiff im Visier von Skylla und anderen Ungeheuern.

Der Kapitän ratlos darüber, wo sein Schiff zu segeln vermag.

Doch das Berühren des Ruders ist jedem untersagt.

Alle werden vom Kapitän nach dem Wege gefragt.

Und wehe dem, der sich über diese Frage beklagt.

Das Schiff steuerlos…im Meer des Chaos.

Zeitlos, auf ewig im Besitz des Tartaros.

Nino Gadelia

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

Bibliothek der Gefühle

world

So viele Orte dieser Welt lösen ein gutes Gefühl in einem aus.

Nur ist es immer eine andere Sorte eines guten Gefühls, das sich nicht in Worte fassen lässt.

Es ist wie ein Zauber.

Ein Zauber, das in dir erwacht und du nicht mehr auslösen kannst, wenn du diesen Ort verlässt.

Du kannst es nicht erwecken, nicht mehr fühlen.

Du weisst nur, wo es zu finden ist und dass es dort auf dich wartet.

Es sind tausende Sorten von Gefühlen an tausenden Orten zu finden.

Nino Gadelia

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

 

Havanna

Ich möchte niemanden weinen sehen, wenn ich mal weg bin. Es ist bloss dieses sinnlose Dasein, das mich innerlich zerbricht. Dieses sich nirgendwo eingliedern können. Wenn ich lache, kommt es mir vor, als würde ich mich selbst belügen.

Sagen die Menschen einem nicht immer, dass man nach vorne schauen soll?

Doch selbst, wenn du den Blick nach vorne richtest: im Innern bist du aus der Vergangenheit geformt.

Gestern fuhr ich nach der Arbeit mit dem Bus nach Hause. Ich kam mir leer und ohne Inhalt vor. Ich könnte dem Ganzen ein Ende setzen, meine Seele hätte ein neues Leben verdient, doch das kann ich meiner Familie nicht antun, selbst wenn es keine Familie mehr ist.

Auch wenn meine Eltern gekämpft haben, sie können nichts dafür, diesen Kampf haben sie einfach verloren.

Vielleicht redete ich mir alles bloss ein von wegen, dass ich keinen Mann will. Ist es nicht deswegen warum wir alle überhaupt hier sind? Die Fortpflanzung? Nein? Ich habe meine eigene Natur verraten, ich habe mein Dasein verraten. Es schmerzt mich, wenn ich Kinder sehe. Ihr ehrliches Lachen löst Liebe in mir aus und im nächsten Augenblick sticht dieses Gefühl, als sei es ein Dorn.

Ich sitze allein in meiner leeren, lieblosen Wohnung und beobachte täglich vom Fenster die Geschehnisse an der Kreuzung. Als wir Kinder waren, lebte Juanito hier drin. Immer wenn er uns sah, winkte und lachte er aus dem Fenster, wir Kinder winkten zurück. Dieser Augenblick erfüllte Juanitos Tag. Ich bin mir sicher, dass er jeden Morgen aufstand und sich auf diesen Moment freute. Das las ich aus seinem Lächeln heraus.

Mein Bruder und seine Freunde beobachteten ihn immer, denn sie wussten, dass Juanito einmal die Woche ins Bordell ging. Die Jungs redeten wild untereinander. Sie fragten sich, was er da wohl alles mit den schönen Frauen treiben mag.

Daraus bestand Juanitos Leben. Dieses einmalige Winken jeden Tag und die wöchentlichen Bordellbesuche. Das Alleinsein haben ich und Juanito gemeinsam. Ich wünschte nur, ich hätte auch sein Lachen übernehmen können. Innerlich eingravieren können, dass es sich echt anfühlt und nicht wie ein Betrug. Juanitos Lachen war echt, seine Augen funkelten dabei. Er hatte ein lautes, herzliches Lachen. Es war als hätten sich Herz und Seele zusammen verbunden, um gemeinsam zu tanzen.

Dabei hatte er niemanden. Eines Tages fanden sie ihn tot in seiner Wohnung. In dieser Wohnung. Er ist wohl an einem Asthmaanfall erstickt. Nun sitze ich hier. Ob die Wände sich an Juanitos Tod erinnern können? Wenn ich sie fragen würde, könnten sie mir dann schildern, was er in seinen letzten Minuten gedacht hat? Welcher Film spielte vor seinen Augen ab, als er begriff, dass es nun zu Ende geht?

Die Wände reden nicht. Niemand redet mit mir, nur die Glut der Zigarette scheint mich anzusehen, als ob es mich dazu auffordern würde es weiter zu rauchen. Als wollte es sich, so schnell es noch möglich ist auflösen. Das haben wir gemeinsam, die Zigarette und ich.

Nino Gadelia

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

Koma

bild

Du kannst jahrelang in einem Koma leben, ohne dir dessen bewusst zu sein.

Aber plötzlich läuft dir jemand über den Weg, der dich aufweckt und dir Emotionen vorstellt, die dir nicht mal im Traum begegnet sind.

Nino Gadelia

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

Mitgefühl

Was genau ist aus der Menschheit geworden, dass sie beim kleinsten Anzeichen von Gefühlen beim Anderen hilflos werden?

Warum irritieren dich die Tränen in den Augen vom Gegenüber?

Gestern habe ich gelacht und heute geweint, weil ich ein Mensch bin.

Weil beides zu mir gehört.

Aber was ist mit dir?

Wann hast du eigentlich dein Lachen verloren?

Wann hast du aufgehört so tief zu empfinden, dass Tränen fliessen?

Auch wenn ich diejenige bin, die weint: in diesem Moment bist du derjenige, der mir leid tut.

Vielleicht bist eben du verkorkst und nicht die anderen, weil du dich selbst verloren hast.

Nino Gadelia

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

Dignité

Ich hoffe du kannst dich eines Tages auch so sehr lieben, wie ich dich liebe.

Denn würdest du das, hättest du dir nicht angetan, was du dir angetan hast.

Nino Gadeliapop

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

Flügel

wings

Ängste nehmen mir den Willen.

Die Aussenwelt ermüdet mich und ich flüchte mich im Stillen.

Monologe des Gegenübers rauben mir die letzten Kräfte.

Wenn ich doch nur so viel Kraft für all diese Menschen hätte.

Ausgesaugt und ermüdet, meine Kraft verschenkt bis auf den letzten Knochen.

Dass ich noch existiere versichert mir bloss mein Herz, denn es ist am pochen.

Hätte ich doch nur Flügel, dann könnte keiner was von mir wollen.

Fliegen würde ich, sobald sie zu mir kommen.

Meine Zeit haben sie gefressen und sind nie satt geworden.

Diese gierige, hungrige Schatten, innen so tief verdorben.

Ich sehe durch sie hindurch, aber das kann ich ihnen nicht sagen.

Selbst wenn ich die Tür schliesse, den Eintritt werden sie wagen.

Stumm muss ich hoffen, dass mir diese Flügel wachsen.

Sie denken ich bin hier, doch mein Geist hat sie längst verlassen.

Made by Nino

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

ZEIT

Manchmal treffe ich Menschen, die mir zeigen wie schön das Leben ist.

Gleichzeitig bin ich erfüllt von Trauer, weil die Zeit wie Sand durch meine Finger rinnt.

Ich beschliesse im nächsten Leben wiederzukehren, damit sich die Wege unserer Seelen früher kreuzen.

Die Zeit ist eine unendliche Illusion, dessen wahre Zeiger wir nicht befugt sind zu deuten.

Betrügen tun wir uns, indem wir uns von der Uhr leiten lassen.

Wir versuchen Erinnerungen in Bildern festzuhalten, damit diese nicht ganz verblassen.

Die Momente verewigen sich zwar auf den Bildern.

Doch die Gefühle in uns von damals lassen sich nicht daraus filtern.

Das Leben hat uns ausgespuckt nur mit dem Tod als Gewissheit.

Schwebend zwischen nichts und allem fragen wir uns, was das Ganze für einen Sinn hat?

Made by Nino

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“