Ich möchte niemanden weinen sehen, wenn ich mal weg bin. Es ist bloss dieses sinnlose Dasein, das mich innerlich zerbricht. Dieses sich nirgendwo eingliedern können. Wenn ich lache, kommt es mir vor, als würde ich mich selbst belügen.

Sagen die Menschen einem nicht immer, dass man nach vorne schauen soll?

Doch selbst, wenn du den Blick nach vorne richtest: im Innern bist du aus der Vergangenheit geformt.

Gestern fuhr ich nach der Arbeit mit dem Bus nach Hause. Ich kam mir leer und ohne Inhalt vor. Ich könnte dem Ganzen ein Ende setzen, meine Seele hätte ein neues Leben verdient, doch das kann ich meiner Familie nicht antun, selbst wenn es keine Familie mehr ist.

Auch wenn meine Eltern gekämpft haben, sie können nichts dafür, diesen Kampf haben sie einfach verloren.

Vielleicht redete ich mir alles bloss ein von wegen, dass ich keinen Mann will. Ist es nicht deswegen warum wir alle überhaupt hier sind? Die Fortpflanzung? Nein? Ich habe meine eigene Natur verraten, ich habe mein Dasein verraten. Es schmerzt mich, wenn ich Kinder sehe. Ihr ehrliches Lachen löst Liebe in mir aus und im nächsten Augenblick sticht dieses Gefühl, als sei es ein Dorn.

Ich sitze allein in meiner leeren, lieblosen Wohnung und beobachte täglich vom Fenster die Geschehnisse an der Kreuzung. Als wir Kinder waren, lebte Juanito hier drin. Immer wenn er uns sah, winkte und lachte er aus dem Fenster, wir Kinder winkten zurück. Dieser Augenblick erfüllte Juanitos Tag. Ich bin mir sicher, dass er jeden Morgen aufstand und sich auf diesen Moment freute. Das las ich aus seinem Lächeln heraus.

Mein Bruder und seine Freunde beobachteten ihn immer, denn sie wussten, dass Juanito einmal die Woche ins Bordell ging. Die Jungs redeten wild untereinander. Sie fragten sich, was er da wohl alles mit den schönen Frauen treiben mag.

Daraus bestand Juanitos Leben. Dieses einmalige Winken jeden Tag und die wöchentlichen Bordellbesuche. Das Alleinsein haben ich und Juanito gemeinsam. Ich wünschte nur, ich hätte auch sein Lachen übernehmen können. Innerlich eingravieren können, dass es sich echt anfühlt und nicht wie ein Betrug. Juanitos Lachen war echt, seine Augen funkelten dabei. Er hatte ein lautes, herzliches Lachen. Es war als hätten sich Herz und Seele zusammen verbunden, um gemeinsam zu tanzen.

Dabei hatte er niemanden. Eines Tages fanden sie ihn tot in seiner Wohnung. In dieser Wohnung. Er ist wohl an einem Asthmaanfall erstickt. Nun sitze ich hier. Ob die Wände sich an Juanitos Tod erinnern können? Wenn ich sie fragen würde, könnten sie mir dann schildern, was er in seinen letzten Minuten gedacht hat? Welcher Film spielte vor seinen Augen ab, als er begriff, dass es nun zu Ende geht?

Die Wände reden nicht. Niemand redet mit mir, nur die Glut der Zigarette scheint mich anzusehen, als ob es mich dazu auffordern würde es weiter zu rauchen. Als wollte es sich, so schnell es noch möglich ist auflösen. Das haben wir gemeinsam, die Zigarette und ich.

Nino Gadelia

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

2 Gedanken zu “Havanna

  1. Allein zu sein ist manchmal hart. Gleichzeitig bedeutet das Alleinsein auch Unabhängigkeit und die bedeutet Freiheit. Man kann es drehen und wenden wie man will, wir alle streben nach dem Gefühl geliebt und begehrt zu werden. Aber Liebe ohne Freiheit ist nicht erstrebenswert und destruktiv.

    PS: Der Sinn des Lebens existiert nicht.

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  2. Pingback: ¡ VIVA CUBA !

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