Wattenhofer kippt die Rückenlehne seines Bürostuhls nach hinten und legt den Kopf in den Nacken. Er nimmt einen tiefen Atemzug. Wie sollte es denn nun weitergehen? Sollte er wirklich bis zu seiner Pension, die besten Jahre seines Lebens, die noch übrig waren diesem Schreibtisch und Computer widmen? Lana hatte Recht, er war genauso geworden wie die Menschen, die er damals verachtet hatte.

Eine Gestalt unterbrach seine Gedanken, auch einer der letzten, der noch im Büro verharrte. Wattenhofer sah wie die Gestalt ihm zunickte und sich Richtung Ausgang davonmachte, er nickte der Schattengestalt zurück. Da hast du`s Lana, dachte er, noch ein Ehemann der spät nach Hause kommt. Ja, sie hatten ihre Träume damals, aber was hatte sie erwartet? Dass alles so bleiben würde wie damals mit zwanzig?!

Er spürte aber, dass ihm der Gedanke wehtat diese Beförderung angenommen zu haben, dieser innere Konflikt nagte an seiner Seele wie ein Parasit, er konnte sich nicht davon befreien, es gab kein Gegenmittel und seit Lana sich mit ihrem Koffer davongemacht hatte, damit ihre Seite des Bettes nun leer war, konnte er diesen inneren Parasiten umso stärker spüren.

Manchmal, nachts, glaubte er ihn sogar reden zu hören, es lachte Wattenhofer aus und am lautesten lachte er vor drei Wochen als Lana ihn vor ihrem Abschied beschimpfte. Er sei zu einem Durchschnittsbürger mutiert, der seine Träume verloren habe und nicht mal mehr wisse, wer er überhaupt sei. Er sei verblendet und sich selbst fremd, vor allem sei er aber ihr fremd. Während diesen Worten lachte sich der Parasit kaputt und Wattenhofer sah Lana versteinert zu, wie sie mit ihrem Koffer durch die Tür ging. Der Schädling hatte sich bis zu seiner Kehle ausgebreitet und ihm die Stimme geraubt. Er konnte sie nicht daran hindern zu gehen.

Wattenhofer  stand jeden morgen früh auf und ging in dieses Büro, wo die Menschen wie Zombies ihre Bildschirme anstarrten und kaum ein Guten Morgen von den anderen wahrnahmen. Lana hatte ihn mehrmals hier besucht und ihn schockiert gefragt, wie er das aushalten könne. „Du bist unter lebenden Toten, das ist eine verdammte Zombiefabrik, du bist hier ein Hamster im ewigen Rad, ein Produkt des Kapitalismus!“ , sagte sie immer. Was sie nicht wusste war, dass er das alles wegen ihr tat. Wie hart es eigentlich für ihn war, konnte sie sich nicht vorstellen, denn er hatte als Mann gelernt hart zu arbeiten und Verantwortung für die Familie zu tragen. Er wollte nicht wie sein Vater sein und überhaupt wovon sollten sie dann leben? Lana stellte sich das alles so unglaublich leicht vor, nur weil sie das Glück hatte eine talentierte und erfolgreiche Künstlerin zu sein.

Sie konnte ihren inneren Parasiten auf die Leinwand verewigen und die Farben wählen, die ihren Empfindungen entsprachen. Lana konnte wild darauf los malen und sich dabei total gehenlassen. Sie konnte das zuhause oder im Park tun, sie konnte heute malen und sich morgen einer anderen Beschäftigung widmen. Und das Beste dabei war noch, dass sich ihre auf die Leinwand verewigten Parasiten verkauften, sie konnte ihre inneren Schädlinge auch verschenken. Die ernährten sie sogar, während Wattenhofer seine in sich hütete, den Pokerface vor Lana wahrte und mit ihr Zukunftspläne schmiedete.

Ja, er hatte leider nicht das Glück mit so einem Talent gesegnet zu sein. Wie oft hatte er sie bewundert und gleichzeitig beneidet. Wie gerne wäre er wie sie, denn sie war grandios indem was sie hat. Aber er hatte halt ein Flair für Zahlen und war wohl auf die Welt gekommen, um in so einem Riesengebäude an seinem Schreibtisch zu hocken und für ein Haufen Menschen der Vorgesetze zu sein. Was hatte diese durchgeknallte, interessante Frau damals nur an so einem Langweiler wie ihn gesehen? Oder war er damals wirklich so anders? Gut er hatte Pott geraucht, Rastas getragen und neben seinem Studium als Barkeeper gejobbt. Er hatte in seinem Schrottwagen laut Rolling Stones gehört, die Karre gab manchmal den Geist auf, dass er und seine Freunde es anschieben mussten. Irgendwie dachte er nie ein sein altes ich, aber Lana dachte jeden Tag daran. Als sie mit seinem BMW X5 zum Einkaufen fuhren, hatte Lana mal gesagt, dass sie seinen alten, sympathischen VW vermisse, das sei immer ein Abenteuer gewesen, man habe nie gewusst was einen auf der Fahrt erwarte. Wieso konnte diese Frau diese Sicherheit nicht annehmen? Es war doch schön, wenn diese Sorgen der Vergangenheit angehörten. Lana konnte diesen jungen Mann mit seinen Dreadlocks und Joint im Mund nicht loslassen. Sie konnte es nicht ertragen, dass er diese Rolle nicht mehr spielte. Lana war immer noch ein Hippie in ihrem Herzen und er war jetzt wohl ein Spiesser. Er würde in ein paar Jahren einer dieser Bürger sein, der Jugendliche anschrie, dass sie nicht so laut Musik hören sollten. Er würde verbittert in seinem Haus enden, aus dem Fenster die Nachbarn beobachten und sofort ausrufen, wenn einer mit seinen Schuhen seinem Grundstück zu nahe kommen sollte. Die Jungen aus seiner Wohngegend würden Angst vor ihm haben und die Mutigen würden ihm Streiche spielen. Er würde einer dieser nervigen Anrufer sein, der jeden Tag seine Versicherung anruft, weil er sonst keinen zum Reden hat und die armen Kundenberater mit was wäre wenn Fragen löchert und ihnen dabei den letzten Nerv raubt. Er würde einer dieser Kunden sein, bei dem im System der Eintrag hinterlegt ist, dass er nicht ganz bei Sinnen sei.

Es schauderte ihn bei diesen Vorstellungen. Der innere Parasit lachte wieder und Wattenhofer spürte es an seiner Seele nagen. Er starrte den Bildschirm an, die Uhr zeigte 19:30 Uhr, sollte er nach Hause gehen oder weiter an seinem Protokoll schreiben? Bestimmt wartete Mimi an der Tür und miaute laut und sollte sie sehen, dass es wieder er und nicht Lana war, würde sie aus Enttäuschung umso lauter miauen. Wieso hatte sie dieses Viech überhaupt bei ihm gelassen? Sie wollte es ja, er hatte nie etwas mit Katzen anfangen können. Aber da Lana sehr temperamentvoll war, hatte sie in diesem Moment die Katze bestimmt vergessen und danach war sie zu stolz, um sich zu melden, auch wenn sie dieses Viech über alles liebte.

Immer noch schwirrte Lana durch seinen Kopf. An sein Protokoll war gar nicht zu denken. Sie war jetzt bestimmt an irgendeiner Vernissage ihrer Freunde, trank ihren Wein und dachte nicht mal an ihn. Sie würde auch ganz schnell einen anderen finden. Unter ihren Artgenossen gab es genug interessante Männer, die solche wie ihn auch für lebende Zombies hielten. Immer hatte er das Gefühl sich vor ihrem Freundeskreis für seinen Job und wie er sein Leben führte rechtfertigen zu müssen. Ach, eigentlich hatten sie ja Recht. Wozu kamen diese Leute her in ihren Anzügen? Um sich an ihre Schreibtische zu setzen? Wozu arbeiteten sie alle so lange und lebten ihr Leben nicht? Um sich irgendwas leisten zu können, dass sie dabei tröstete nicht das Leben zu führen von welchem sie immer geträumt hatten? Alle hier hatten sich selbst vergessen. Er selbst fand es doch auch zum Kotzen hier aufzutauchen und diese Roboter aus Fleisch und Blut zu grüssen, die mechanisch und apathisch zurück grüssten. Das alles hatte keine Bedeutung, es war nur eine höhere Zahl, die er auf seinem Bankkonto sah und diese Zahl befriedigte sein Sicherheitsgefühl. Fehlende Sicherheit war Futter für seinen Parasiten. Sollte dieses Sicherheitsgefühl nicht befriedigt werden, gab es mehr Futter für den Parasiten und Wattenhofer würde es noch schlimmer gehen.

Lana hatte keinerlei Sicherheitsängste, sie war mutiger als er, um einiges mutiger. Ihr war es egal, ob sie heute ihre Bilder verkaufte oder einen Monat später, denn sie wusste sie würden sich sowieso verkaufen. Lana war sich ihrem Talent bewusst und sehr selbstsicher, nichts konnte ihr Angst machen, ausser einem Ehemann, der zu einer Maschine geworden war. Lana wäre auch glücklich, wenn er wieder Barkeeper wäre, wahrscheinlich glücklicher als jetzt. Aber er konnte nicht alles hinschmeissen, was er sich aufgebaut hatte. Er wollte nicht so ein Zigeuner sein, wie sein Vater es war, den er seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hätte er Lana etwa so behandeln sollen? Seiner Frau sagen, dass er Zigaretten kaufen geht und sich nie wieder meldet? Sie zurücklassen mit ihren beiden Söhnen? Lana würde er zwar mit Mimi zurücklassen und mit keinen Kindern, aber er hatte sich damals geschworen das komplette Gegenteil seines Vaters zu sein. Eine Schande dieser Mann, dachte er, ich hoffe er hat als Penner in Mexico City geendet und muss sich aus Mülltonnen seine Nahrung rausfischen. Oder hoffentlich ist er gleich an seinen Zigaretten erstickt, die er gekauft hat als er sich davonmachen wollte.

Einmal hatten er und Lana zusammen viel getrunken und sie fing an ihn über sein Vater auszufragen, er brach betrunken in Tränen aus und konnte sich dabei nicht zusammenreissen. Lana hatte sein heulendes Häufchen Elend ins Atelier geschleppt, normalerweise betrat er nie diesen Raum des Hauses, damit Lana sich frei künstlerisch entfalten konnte. Sie stellte ihn vor einer Leinwand und drückte ihm einen Pinsel in die Hand. „Da male!, forderte sie ihn auf, male was er dir angetan hat!“ Aber er schluchzte, starrte die Leinwand an und bei dem Gedanken an seinen Vater fing er immer mehr an innerlich zu kochen, so sehr bis er einen Schrei ausstiess und in die Leinwand boxte. Plötzlich waren beide still. Lana liess den Pinsel, den sie ihm in die Hand drücken wollte auf den Boden fallen. „Das hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet“, grinste sie, „aber ich bin stolz auf dich, vielleicht kann ich ja die geboxte Leinwand verkaufen , dieses Loch in der Mitte ist mal was ganz neues oder nein weisst du was, ich hänge es hier auf, damit wir uns an diesen emotionalen Ausbruch erinnern, ich male meine Emotionen und du gehst wie es aussieht mit Gewalt damit um, auch gut, hauptsache du unterdrückst sie nicht.“

Er brauchte sich für nichts vor dieser Frau zu schämen, es war ihr egal ob er ausrastete, liebte, schrie oder weinte. Was sie jedoch nicht ertrug war, wenn er innerlich tot war. Ihre letzten Worte an ihn waren: „Lebe wieder verdammt nochmal.“ Vielleicht waren sie einfach zu verschieden. Oder war dieser Mann, der er in der Vergangenheit war immer noch irgendwo tief in ihm im Winterschlaf verborgen? Vielleicht musste er ihn bloss wieder zum Leben erwecken, doch wie? Selbst Lana konnte ihn nicht erwecken. Er sollte sich Urlaub nehmen und mit Lana wegfahren, weit weg für eine längere Zeit, wenn sie ihn überhaupt noch wollte. Möglicherweise würde er nie wieder mit Lana irgendwo hingehen, möglicherweise würde er sie nie wiedersehen, ausser eines Tages im Büro einer Anwaltskanzlei gegenübersitzend mit ihrem Anwalt, bei der Klärung der Aufteilung ihrer Besitztümer. Dieser Gedanke machte ihn krank und der Parasit stach in sein Herz, verbreitete sich in seiner ganzen Brust und löste dieses schwere, bedrückende Gefühl in ihm aus.

Er wollte keine andere, für ihn kam das nicht in Frage. Wenn er an diese Frauen in seiner Firma dachte, die leblos wie Geister auf ihren hohen Schuhen durch das Gebäude liefen, wurde es ihm schlecht. Sie diskutierten über ihre erbrachten Zahlen und zählten die Kalorien ihrer Käsebällchen. Er hatte sich immer über solche Frauen lustig gemacht. Sein junges Ich mit Dreadlocks würde sagen, dass diese leblosen Gestalten wieder mal einen richtigen Mann bräuchten, der weiss wie er sie wieder zum Leben erweckt. Wahrscheinlich wurde es Lana ebenfalls wegen ihm schlecht, sicher sah sie ihn mittlerweile so, wie er diese Frauen sah. An einem Firma Event hatte die Caroline, die viel zu viel getrunken hatte ihn auf den Mund geküsst. Schockiert hatte er sie weggestossen. Am nächsten Morgen erzählte er Lana von dem Vorfall und er hatte Angst wie sie reagieren würde, da sie sehr impulsiv war. Doch seine Frau fing laut an zu lachen und sagte überhaupt nichts dazu, es schien für sie eine Kleinigkeit zu sein, als ob er ihr schnell einen Witz erzählt hätte, nichts weiter. Sie hat danach auch nie nach Caroline gefragt, wahrscheinlich nicht mal daran gedacht.

Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, ob Lana eine Affäre haben könnte. Komisch, dass er genau jetzt daran dachte. Was wenn sie ihn deswegen verlassen hatte? Vielleicht war ja er gar nicht das Problem und ein anderer war der wirkliche Grund. Ein anderer, der so ist wie sein altes ich. Er bekam Panik und der innere Parasit vergnügte sich daran, breitete sich wieder aus, Wattenhofer bekam einen Kloss im Hals, sein Herz raste.

Halts Maul, schrie Wattenhofer plötzlich, halt endlich dein Maul, wann gibst du endlich Ruhe?! Er wusste gar nicht wen er da anschrie, aber das Lachen, das er in seinem Kopf hörte musste endlich aufhören. Dieser elende Schmarotzer in ihm musste endlich beseitigt werden. Er riess sich die Krawatte vom Hals und warf es auf sein Schreibtisch, Schweiss tropfte ihm von der Stirn, er glühte.

„Können Sie nicht leise sein Wattenhofer?! Ich versuche hier zu arbeiten!“ Es war Sergej aus der Abteilung nebenan. Wahrscheinlich hatte Wattenhofer den Parasiten lauter angeschrien als er die Absicht gehabt hat. Er war sich nicht bewusst, dass noch jemand hier war.

Sergej sah ihn misstrauisch an. „Mit wem haben Sie überhaupt geredet? Ist ja keiner da.“

„Wissen Sie was Sergej? Das ist völlig gleichgültig, denn es ist sowieso Zeit zu gehen.“

Nino Gadelia

„Copyright und alle Rechte bei der Autorin“

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